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Rassenkunde: Der User

Tobias Henoeckl - Mon Feb 03 12:49:57 2003

Rassenkunde: Der User


Der 'homo macintoshi' wandelt sich im Laufe der Zeit zwangsläufig
zum Techno-Ästheten, der sich gerne mit einem schwachen Dunst der
Andersartigkeit umgibt. Form ist ihm meist wichtiger als Inhalt, und
er pflegt einen gesunden Snobismus, der ihm das Leben angenehmer
macht. Er bevorzugt ein einfaches, klares Design, und Aufgaben,
die sich nicht mit einer Maustaste erledigen lassen, sich für ihn
'mangelhaft durchdacht'. Der Macintosh-Charakter hält es für normal,
wenn man für das äußere Erscheinungsbild einer Telefonzelle fünfmal
mehr Zeit investiert, als für den eigentlichen Telefonapparat. Sein
'worst-case-scenario' wäre der Aufkauf von Apple durch Bill Gates, und
sein Paarungsverhalten ist spezifisch auf andere Macintosh-Benutzer
ausgerichtet.

++

Der 'homo linux' ist in vielerlei Hinsicht ein Extremist. Er will sein
Leben vollkommen unter Kontrolle haben und sich alle Optionen bis ins
letzte Detail offen halten. In vielen Fällen ist er das verkannte Genie,
das nach einem langen verbissenen Leidensweg über die ignorante Masse
triumphiert (oder auch nicht). Funktionalität und Effektivität bilden
die höchsten Prinzipien, oft gepaart mit unangenehmen missionarischem
Eifer und einer geradezu faustischen Verbissenheit. Da ihn seine
Umgebung oft nicht versteht, lebt er zurückgezogen und lichtscheu als
Eigenbrötler. In seinem Arbeitsleben hat er fast immer mit anderen
UNIX-Derivaten zu tun. Sein 'worst-case-scenario' ist die Umwandlung von
MS-Formaten in eine brauchbare Form. Sein Paarungsverhalten ist einfach:
er hat keines.

++

Der 'homo microsoftis' entwickelt sich nach einigen Jahren zum
typischen Fatalisten mit einer schwachen Neigung zum Masochismus. Er
erträgt es mit mehr oder weniger stoischer Ruhe, den ganzen Tag mit
mystischen Schicksalsschlägen (Fehlermeldungen) und Katastrophen
(Systemabstürzen) konfrontiert zu werden. Er hat das unerschütterliche
Gottvertrauen, daß alle Widrigkeiten seines Lebens mit dem nächsten
Upgrade beseitigt würden, auch wenn die Erfahrung der letzten 10
Jahre gezeigt hat, daß auf jeden beseitigten Fehler 23,8 neue Bugs
hinzukommen. Er muß ein kindliches Gemüt haben, weil er sich an
'Neuerungen' erfreuen kann, die in anderen Betriebssystemen schon vor
15 Jahren eingeführt wurden, und er verfügt über etwas, das sonst in
unserer schnell-lebigen Zeit absolute Mangelware zu sein scheint:
unbegrenzte Zeit. Ich habe MS-User erlebt, denen es nach viereinhalb
(4 1/2) Stunden gelungen war, eine Quadratwurzel in ihren Text
einzufügen, und es fertigbrachten, dies auch noch als Erfolgserlebnis
zu verbuchen. MS-Benutzer versuchen in den seltensten Fällen, den
Dingen auf den Grund zu gehen, sondern vertrauen in allen auswegslosen
Lebenssituationen auf die 'Ausschalten-Einschalten-Methode'. Das
'worst-case-scenario' des 'homo microsoftis' gibt es nicht mehr, seitdem
er ständig darin leben muß; sein Paarungsverhalten ist unspezifisch.


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