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Geschichten aus dem ICE

Max Ehlers - Fri Dec 06 20:41:43 2002

gefunden in Sueddeutsche online 
(http://www.sueddeutsche.de/index.php?url=lebenstil/kulinarisches/56130&;  
datei=index.php)
Lang, aber lohnt sich.
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Ihre Bahncard bitte

Wie ein junger Schaffner anstatt wahnsinnig zu werden endlose Geduld bewies 
und so zum Helden des ICE "Jakob Fugger" von Hamburg nach Munchen wurde.
von Stephan Reinhardt

    PERSONEN:

Ein Schaffner
Eine altere Dame
Reisende (stumm)

ICE "Jakob Fugger" von Hamburg nach Munchen. Der Zug ist sehr gut gefullt. 
Zumindest in Wagen 9 ist er das. In Kassel steigt die altere Dame zu und 
setzt sich an einen Tischplatz. Auftritt Schaffner.

Schaffner: Moinmoin, jemand zugestiegen?
Die altere Dame: Ja, ich. Warten sie, ich bin zugestiegen. (zeigt ihre 
Fahrkarte und die Reservierung)
Schaffner: Durfte ich Ihre Bahncard sehen?
Die altere Dame: Was wollen Sie?
Schaffner: Die Bahncard.
Die altere Dame: Meine Bahncard?
Schaffner: Ja, Ihre Bahncard.
Die altere Dame: Ach Gott, wie sieht die denn aus?
Schaffner: Klein und aus Plastik.
Die altere Dame: Ja, wo habe ich denn sowas?
Schaffner: Schauen Sie mal nach.
Die altere Dame: (sucht in der Handtasche) Hier ist sie nicht. (sucht 
weiter) Wie soll sie denn aussehen, Ihre Bahncard?
Schaffner: Kleine Karte, so wie von der Sparkasse.
Die altere Dame: Ach so? Ja Moment, die habe ich gesehen. Moment nur. 
(sucht in ihrer Handtasche)
Schaffner: Nein, nicht die EC-Karte. Ich brauche die Bahncard. Sie sieht 
aus wie eine Bankkarte, aber sie ist eine Bahncard.
Die altere Dame: Ach Gott, habe ich denn so etwas?
Schaffner: Zumindest ist Ihr Fahrschein erma?igt. (zeigt ihn ihr) Hier, 
sehen Sie? Um 50 Prozent. Dank Bahncard. Sie haben sie bestimmt irgendwo.
Die altere Dame: Dann muss meine Schwiegertochter sie haben. Wie sieht sie 
denn aus? (sucht erneut)
Schaffner: Eine kleine Plastikkarte, so wie Ihre Bankkarte.
Die altere Dame: Und die gilt nicht?
Schaffner: Nicht bei uns.
Die altere Dame: Wollen Sie die nicht haben?
Schaffner: Nein, in diesem Falle nicht. Schauen Sie in Ruhe nochmal nach, 
ich komme spater wieder, dann haben Sie Ihre Bahncard bestimmt gefunden. 
(geht weiter)
Die altere Dame: (sucht in der Handtasche, zieht eine Zeitschrift hervor: 
Frau im Spiegel. Liest.)

tsch, tsch, tsch, tsch

(Etwa 5 Minuten spater)

Schaffner: Na? haben Sie Ihre Banhcard gefunden?
Die altere Dame: Sicher, hier habe ich alles. (halt den Umschlag mit der 
Fahrkarte und der Reservierung hin)
Schaffner: Nein, das hatte ich ja vorhin schon mal. Ich brauchte die 
Bahncard.
Die altere Dame: Die was?
Schaffner: Die Bahncard.
Die altere Dame: Ach Gott.
Schaffner: Ich brauche Ihre Bahncard. Klein, bunt, Plastik. Die Bahncard.
Die altere Dame: Ja, ich wei?, Sie sagten es ja.
Schaffner: Haben Sie uberhaupt eine Bahncard?
Die altere Dame: Ja sicher habe ich die. Oder meine Schwiegertochter hat 
sie mir irgendwo hingesteckt.
Schaffner: Sie ist wei?. Die Bahncard ist eine wei?e Plastikkarte.
Die altere Dame: Wei?? Ja, dann habe ich sie. (halt ihre Krankenkassenkarte 
hin)
Schaffner: Nein, das ist sie nicht. Das ist nicht Ihre Bahncard. Die gilt 
hier nicht.
Die altere Dame: Auch nicht? Ja mein Gott, wie soll sie denn aussehen, Ihre 
Bahncard? Ich habe doch schon uberall nachgeschaut. Schauen Sie doch auch 
mal mit!
Schaffner: (schaut mit in die Handtasche) Nichts. Hier ist nichts.
Die altere Dame: Sehen Sie? Das sag ich doch die ganze Zeit. Ich habe sie 
nicht.
Schaffner: Dann mussen Sie nachzahlen.
Die altere Dame: Sicher hat sie meine Schwiegertochter versteckt. Wie sieht 
sie denn aus? Sie muss doch hier irgendwo sein.
Schaffner: Wei?. Sie ist wei?, klein und aus Plastik. Sie ist die Bahncard.
Die altere Dame: Wie soll ich denn jetzt wissen, ob ich so etwas uberhaupt 
habe?
Schaffner: Sie haben ja Rabatt bekommen.
Die altere Dame: Na, dann sehen Sie doch, dass ich eine habe. Sonst hatte 
ich ja keine Erma?igung bekommen.
Schaffner: Sie mussen dennoch nachzahlen.
Die altere Dame: Was muss ich?
Schaffner: Nachzahlen. 44 Euro.
Die altere Dame: Wo muss ich denn hingehen? Hier gibt es doch keinen 
Schalter.
Schaffner: Sie mussen bei mir bezahlen.
Die altere Dame: Was wollen Sie also jetzt von mir haben?
Schaffner: 44 Euro. Oder die Bahncard.
Die altere Dame: Die habe ich nicht.
Schaffner: Also 44 Euro. Weil Ihr Fahrschein nur in Verbindung mit der 
Bahncard Gultigkeit hat.
Die altere Dame: Wie kann ich denn jetzt bezahlen?
Schaffner: Am liebsten mit Ihrer Bankkarte.
Die altere Dame: Die habe ich doch nicht.
Schaffner: Doch, die haben Sie. Ich habe sie gesehen. Darf ich? (nimmt ihr 
Portemonnaie, zieht eine EC-Karte heraus) Sehen Sie, hiermit konnen Sie 
zahlen. Wollen Sie?
Die altere Dame: Was machen Sie denn jetzt damit?
Schaffner: Ich ziehe sie durch mein Lesegerat.
Die altere Dame: Was passiert dann? Sie machen sie mir doch nicht kaputt? 
Schaffner: Nein, das hier ist kein Rei?wolf. Es ist ein Kartenlesegerat. 
Damit buche ich Geld von Ihrem Konto ab und Sie unterschreiben mir das.
Die altere Dame: Bekomme ich dann von Ihnen die Bahncard?
Schaffner: Nein, nur einen gultigen Fahrschein.
Die altere Dame: Aber den habe ich doch. Sie hatten ihn ja!
Schaffner: Ja. Nein. Sie haben einen, der ist aber nicht gultig oder eben 
nur zum Teil. Was fehlt, ist die Bahncard.
Die altere Dame: Was haben Sie denn da in der Hand? Ist das nicht die 
Bahncard?
Schaffner: Nein, das ist Ihre EC-Karte.
Die altere Dame: Ach Gott. Dann muss die Bahncard in Kassel sein.
Schaffner: Eben. Oder bei Ihrer Schwiegertochter.
Die altere Dame: Die ist aber in Munchen.
Schaffner: Mag sein.
Die altere Dame: Entschuldigen Sie, aber was genau brauchen Sie eigentlich 
jetzt noch von mir?
Schaffner: Nichts, ich habe alles.
Die altere Dame: Na endlich!
Schaffner: (zieht die EC-Karte durch sein Lesegerat. Dann nochmal. Und 
nochmal. Und wieder. Verargert.) Funktioniert nicht. Haben Sie das Geld 
auch in bar?
Die altere Dame: Welches Geld?
Schaffner: Das fur den Fahrschein.
Die altere Dame: Ich habe doch einen Fahrschein.
Schaffner: Aber nur einen halben. Jedenfalls fehlen Ihnen die anderen 50 
Prozent des normalen Fahrpreises. Sie mussen daher nachzahlen. 44 Euro. 
Haben Sie denn auch Scheine?
Die altere Dame: Was denn fur Scheine?
Schaffner: Na, Geld! Geldscheine!
Die altere Dame: Wieviel wollen Sie denn von mir?
Schaffner: 44 Euro. Vier Scheine. Oder mehr, je nachdem. Auf jeden Fall 
brauche ich 44 Euro.
Die altere Dame: (halt Bargeld hin) So. Bitteschon.
Schaffner: Dankeschon. (Stellt einen Fahrschein aus) So. Bitteschon.
Die altere Dame: Was ist das jetzt?
Schaffner: Ihr Ticket.
Die altere Dame: Noch eins?
Schaffner: Ja, die Erganzung.
Die altere Dame: Habe ich jetzt zwei Mal bezahlt?
Schaffner: Ja, weil Sie die Bahncard nicht vorzeigen konnten.
Die altere Dame: Welche Bahncard denn?
Schaffner: Mit der Sie normalerweise Erma?igung bekommen. Aber Sie haben 
keine. Zumindest nicht hier. Wenn Sie sie finden sollten, dann gehen Sie in 
Munchen zum Schalter, zeigen Sie sie vor, dazu Ihre beiden Tickets, dann 
bekommen Sie die 44 Euro zuruck erstattet.
Die altere Dame: Kann ich es nicht auch jetzt von Ihnen zuruck bekommen?
Schaffner: Nein, nur am Schalter. In Munchen oder in Kassel. Aber nur, wenn 
Sie Ihre Bahncard vorzeigen konnen.
Die altere Dame:Ach Gott, aber die habe ich doch nicht.
Schaffner: Fragen Sie Ihre Schwiegertochter.
Die altere Dame: Die ist aber doch in Kassel.
Schaffner: Kann man anrufen.
Die altere Dame: Und wenn die die Bahncard auch nicht hat?
Schaffner: Sie haben doch eine Bahncard?
Die altere Dame: Das wei? ich doch nicht! Wie soll die denn aussehen?
Schaffner: Fragen Sie Ihre Schwiegertochter. Jedenfalls bekommen Sie dann 
Geld wieder.
Die altere Dame: Wo und wann denn?
Schaffner: Wenn Sie in Munchen zum Schalter gehen. Oder in Kassel.
Die altere Dame: Aber ich fahre doch nach Munchen.
Schaffner: Dann in Munchen. Gehen Sie zum Schalter und legen Sie Ihre 
Bahncard vor, dazu Ihre beiden Tickets. Sie mussen einfach nur Ihre 
Bahncard finden, wenn Sie eine haben, das ist alles.
Die altere Dame: Verzeihen Sie mein dummes Fragen, aber das kann einen ja 
alles komplett verwirren.
Schaffner: Kein Problem, das klaren wir doch alles auf. Eine schone Reise 
noch. (ab)
Die altere Dame: (liest)

tsch, tsch, tsch, tsch

(Nach funf Minuten kommt der Schaffner wieder durch den Gang, strammen 
Schritts, er ist auf dem Weg ins Personalabteil.)

Die altere Dame: Entschuldigen Sie, junger Mann. Ein Kollege von Ihnen hat 
das eben mit meinem Ticket nicht verstanden. Er hat gesagt, Sie wurden mir 
das Geld zuruckzahlen, das er mir eben genommen hat. Ich bekomme es zuruck, 
hat er gesagt.
Schaffner: Ich bin derselbe. Ich bin kein Kollege. Ich bin es selbst.
Die altere Dame: Ach Gott, verzeihen Sie.
Schaffner: Sie gehen nachher in Munchen zum Schalter und zeigen dort Ihre 
Bahncard vor, au?erdem die anderen Tickets. Dann bekommen Sie Ihr Geld 
wieder. Aber Sie mussen eben Ihre Bahncard finden. (nimmt die Bahncard 
einer anderen Kundin und zeigt sie der alteren Dame) Sehen Sie? So sieht 
sie aus, das ist die Bahncard. Haben Sie eine solche?
Die altere Dame: Das wei? ich nicht. Das musste ich nachschauen, warten Sie 
einen Moment. (beginnt zu suchen)
Schaffner: Das haben wir doch jetzt schon mehrmals gemacht. Sie ist nicht 
da.
Die altere Dame: Nicht wahr? Sie ist nicht da. Wann aber bekomme ich mein 
Geld zuruck?
Schaffner: Wenn Sie Ihre Bahncard finden und zum Schalter gehen. Am 
schnellsten geht es, wenn Sie das in Munchen machen.
Die altere Dame: Ach Gott. Aber dazu brauche ich bestimmt die Bahncard, 
nicht wahr?
Schaffner: Rufen Sie Ihre Schwester an.
Die altere Dame: Meine Schwester? Sie meinen meine Schwiegertochter.
Schaffner: Ja, Ihre Schwiegertochter. Rufen Sie Ihre Schwiegertochter an.
Die altere Dame: Bestimmt hat sie sie mir irgendwo eingesteckt.
Schaffner: Bestimmt.
Die altere Dame:Gewiss, so muss es sein. In Kassel.
Schaffner: Einen schonen Tag noch.
Die altere Dame: Ja, Ihnen auch. Danke Ihnen fur alles.
Schaffner: (geht weiter)
Die altere Dame: So was Dummes. (Liest. Dann schaut sie auf, durchforstet 
mit dem Blick alle Gepackablagen, steht auf, geht durch den Gang und sucht 
den Boden ab.) Wo ist denn jetzt eigentlich mein Koffer? Ich muss den 
Schaffner fragen, mein Koffer fehlt. Er ist grun.

tsch, tsch, tsch, tsch
	


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