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Die Arche

Tobias Henoeckl - Fri Feb 22 10:49:14 2002

Die Arche

Nach vielen Jahren sah Gott wieder einmal auf die Erde. Die Menschen
waren verdorben und gewalttaetig und er beschloss, sie zu vertilgen,
genau so, wie er es vor langer langer Zeit schon einmal getan hatte.

Er sprach zu Noah: "Noah, bau mir noch einmal eine Arche aus Zedernholz,
so wie damals : 300 Ellen lang, 50 Ellen breit und 30 Ellen hoch. Ich
will eine zweite Sintflut ueber die Erde bringen. Die Menschen haben
nichts dazu gelernt. Du aber gehe mit deiner Frau, deinen Soehnen und
deren Frauen in die Arche und nimm von allen Tieren zwei mit, je ein
Maennchen und ein Weibchen. In sechs Monaten werde ich den grossen Regen
schicken."

Noah stoehnte auf; musste das denn schon wieder sein? Wieder 40 Tage
Regen und 150 unbequeme Tage auf dem Wasser mit all den laestigen Tieren
an Bord und ohne Fernsehen! Aber Noah war gehorsam und versprach, alles
genau so zu tun, wie Gott ihm aufgetragen hatte.

Nach sechs Monaten zogen dunkle Wolken auf und es begann zu regnen. Noah
sah in seinem Vorgarten und weinte und, da war keine Arche. "Noah",
rief der Herr, "Noah, wo ist die Arche?" Noah blickte zum Himmel
und sprach: "Herr, sei mir gnaedig", und verstummte. Gott fragte
abermals: "Wo ist die Arche, Noah?" Da trocknete Noah seine Traenen und
sprach: "Herr, was hast du mir angetan? Als Erstes beantragte ich beim
Landkreis eine Baugenehmigung. Die dachten zuerst, ich wollte einen
extravaganten Schafstall bauen. Die kamen mit der ausgefallenen Bauform
nicht zurecht, denn an einen Schiffbau wollten sie nicht glauben. Auch
deine Massangaben stifteten Verwirrung, weil niemand mehr weiss, wie
lang eine Elle ist.

Also musste mein Architekt einen neuen Plan entwerfen. Die
Baugenehmigung wurde mir zunaechst abgelehnt, weil eine Werft in
einem Wohngebiet planungsrechtlich unzulaessig sei.
Nachdem ich dann endlich ein passendes Gewerbegrundstueck gefunden
hatte, gab es nur noch Probleme. Im Moment geht es z. B. um die Frage,
ob die Arche feuerhemmende Tueren, eine Sprinkleranlage und einen
Loeschwassertank benoetige. Auf einen Hinweis, ich haette im Ernstfall
rundherum genug Loeschwasser, glaubten die Beamten, ich wollte mich
ueber sie lustig machen.

Als ich ihnen erklaerte, das Wasser kaeme noch in grossen Mengen,
und zwar viel mehr als ich zum Loeschen benoetigte, brachte mir
das den Besuch eines Arztes vom Landeskrankenhaus ein. Er wollte
von mir wissen, was ein Schiffbau auf dem Trockenen, fernab von
jedem Gewaesser, solle. Die Bezirksregierung teilte mir daraufhin
telefonisch mit, ich koennte ja gern ein Schiff bauen, muesste aber
selbst zusehen, wie es zum naechsten groesseren Fluss kaeme. Mit
dem Bau eines Sperrwerks koennte ich nicht rechnen, nachdem der
Ministerpraesident zurueckgetreten sei.

Dann rief mich noch ein anderer Beamter dieser Behoerde an,
der mir erklaerte, sie seien inzwischen ein kundenorientiertes
Dienstleistungsunternehmen und darum wolle er mich darauf hinweisen,
dass ich bei der EU in Bruessel eine Werftbeihilfe beantragen koenne;
allerdings muesste der Antrag achtfach in den drei Amtssprachen
eingereicht werden.

Inzwischen ist beim Verwaltungsgericht ein vorlaeufiges Rechtsschutz-
verfahren meines Nachbarn anhaengig, der einen Grosshandel fuer
Tierfutter betreibt. Der haelt das Vorhaben fuer einen grossen Werbegag
- mein Schiffbau sei nur darauf angelegt, ihm Kunden abspenstig zu
machen. Ich habe ihm schon zwei Mal erklaert, dass ich gar nichts
verkaufen wolle. Er hoert mir gar nicht zu und das Verwaltungsgericht
hat offenbar auch viel Zeit.

Die Suche nach dem Zedernholz habe ich eingestellt. Libanesische
Zedern duerfen nicht mehr eingefuehrt werden. Als ich deshalb hier
im Wald Bauholz beschaffen wollte, wurde mir das Faellen von Baeumen
- unter Hinweis auf das Landeswaldgesetz verweigert. Dies schaedige
den Naturhaushalt und das Klima.

Ausserdem sollte ich erst eine Ersatzaufforstung nachweisen. Mein
Einwand, in Kuerze werde es gar keine Natur mehr geben und das Pflanzen
von Baeumen an anderer Stelle sei deshalb voellig sinnlos, brachte
mir den zweiten Besuch des Arztes vom Landeskrankenhaus ein.

Die angeheuerten Zimmerleute versprachen mir schliesslich, fuer das
notwendige Holz selbst zu sorgen. Sie waehlten jedoch erst einmal einen
Betriebsrat. Der wollte mir mit zunaechst einen Tarifvertrag fuer den
Holzschiffbau auf dem flachen Lande ohne Wasserkontakt aushandeln. Weil
wir uns aber nicht einig wurden, kam es zu einer Urabstimmung und zum
Streik. Herr, weisst du eigentlich, was Handwerker heute verlangen? Wie
soll ich denn das bezahlen?

Weil die Zeit draengte, fing ich schon einmal an, Tiere einzusammeln. Am
Anfang ging das noch ganz gut, vor allem die beiden Ameisen sind
noch immer wohlauf. Aber seit ich zwei Tiger und zwei Schafe von der
Notwendigkeit ihres gemeinsamen und friedlichen Aufenthaltes bei mir
ueberzeugt hatte, meldete sich der oertliche Tierschutzverein und ruegte
die artwidrige Haltung.

Und mein Nachbar klagt auch schon wieder, weil er auch die Eroeffnung
eines Zoos fuer geschaeftsschaedigend haelt. Herr, ist dir
eigentlich klar, dass ich auch nach der Europaeischen Tierschutz-
transportverordnung eine Genehmigung brauche? Ich bin schon auf
Seite 22 des Formulars und grueble im Moment darueber, was ich als
Transportziel angeben soll.

Und wusstest du, dass z. B Geweih tragende Tiere waehrend der Brunftzeit
ueberhaupt nicht transportiert werden duerfen? Und die Hirsche sind
staendig am Schnackeln, wie Fuerstin Gloria sagen wuerde und auch
der gemeine Elch und Ochse denken an nichts anderes, besonders die
suedlicheren!

Herr, wusstest du das? uebrigens, wo hast du eigentlich die Callipepia
caliconica - du weisst schon, die Schopfwachteln und den Lethamus
Discolor versteckt? Den Schwalbensittich habe ich bisher auch nicht
finden koennen.

Dir ist natuerlich auch bewusst, dass ich die 43 Vorschriften der
Binnenmarkt-Tierschutzverordnung bei dem Transport der Kaninchen
strikt beachten muss. Meine Rechtsanwaelte pruefen gerade, ob diese
Vorschriften auch fuer Hasen gelten. uebrigens: wenn du es einrichten
koenntest, die Arche als fremdflaggiges Schiff zu deklarieren, das
sich nur im Bereich des deutschen Kuestenmeeres aufhaelt, bekaeme ich
die Genehmigung viel einfacher. Du koenntest dich doch auch einmal
fuer mich bemuehen.

Ein Umweltschuetzer von Greenpeace erklaerte mir, dass ich Guelle,
Jauche, Exkremente und Stallmist nicht im Wasser entsorgen darf. Wie
stellst du dir das eigentlich vor? Damals ging es doch auch! Vor zwei
Wochen hat sich das Oberkommando der Marine bei mir gemeldet und von mir
eine Karte der kuenftig ueberfluteten Gebiete erbeten. Ich habe ihnen
einen blau angemalten Globus geschickt.

Und vor zehn Tagen erschien die Steuerfahndung; die haben den Verdacht,
ich bereite meine Steuerflucht vor. Ich komme so nicht weiter Herr,
ich bin verzweifelt! Soll ich nicht doch lieber meinen Rechtsanwalt
mit auf die Arche nehmen?"

Noah fing wieder an zu weinen. Da hoerte der Regen auf, der Himmel
klarte auf und die Sonne schien wieder. Und es zeigte sich ein
wunderschoener Regenbogen. Noah blickte auf und laechelte. "Herr, du
wirst die Erde doch nicht zerstoeren?"

Da sprach der Herr: "Darum sorge ich mich nicht mehr, das schafft
schon eure Verwaltung!"


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