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7 Zwerge

Tobias Henoeckl - Tue Feb 19 13:39:29 2002

Es waren einmal sieben Zwerge, die lebten hinter den sieben Bergen. Tag
für Tag suchten sie im Bergwerk nach Gold. Jeder der Zwerge war
rechtschaffen, fleissig und achtete den Anderen. Wenn einer von ihnen
müde wurde, so ruhte er sich aus, ohne daß die Anderen erzürnten. Wenn
es einem von ihnen an etwas mangelte, so gaben die Anderen bereitwillig
und gerne. Abends, wenn das Tagewerk geschafft war, aßen sie einträchtig
ihr Brot und gingen zu Bett. Am siebten Tage jedoch ruhten sie.

Doch eines Tages meinte einer von ihnen, daß sie so recht nicht wüßten,
wieviel denn geschafft sei und begann, die Goldklumpen zu zählen, die
sie Tag für Tag aus dem Bergwerk schleppten. Und weil er so mit Zählen
beschäftigt war, schufteten die Anderen für ihn mit. Bald nahm ihn seine
neue Arbeit derart in Anspruch, daß er nur noch zählte und die Hacke für
immer beiseite legte.

Nach einer Zeit hob ein Murren an unter den Freunden, die mit Argwohn
auf das Treiben des Siebten schauten. Dieser erschrak und verteidigte
sich, das Zählen sei unerläßlich, so sie denn wissen wollten, welche
Leistung sie vollbracht hatten und begann, den Anderen in allen
Einzelheiten davon zu erzählen.  Und weil er nicht erzählen konnte,
während die Anderen hackten und hämmerten, so legten sie alle ihre
Schaufeln beiseite und saßen am Tisch zusammen. So entstand das erste
Meeting. Die anderen Zwerge sahen das feine Papier und die Symbole, aber
schüttelten die Köpfe, weil sie es nicht verstanden.

Es dauerte nicht lange und der Controller (denn so nannte er sich
fortan!) forderte, die Zwerge, die da Tagein, Tagaus schufteten, mögen
ihm ihre Arbeit beweisen, in dem sie ihm Zeugnis auf Papier ablegten
über die Menge Goldes, die sie mit den Loren aus dem Berg holten. Und
weil er nicht verstehen konnte, warum die Menge schwankte, so berief
er einen unter ihnen, die Anderen zu führen, damit der Lohn recht
gleichmäßig ausfiele. Der Führer nannte sich Manager und legte seine
Schaufel nieder.

Nach kurzer Zeit arbeiteten also nur noch Fünf von ihnen, allerdings
mit der Auflage, die Arbeit aller Sieben zu erbringen. Die Stimmung
unter den Zwergen sank, aber was sollten sie tun? Als der Manager
von ihrem Wehklagen hörte, dachte er lange und angestrengt nach und
erfand die Teamarbeit. So sollte jeder von ihnen gemäß seiner Talente
nur einen Teil der Arbeit erledigen und sich spezialisieren. Aber
ach! Das Tagewerk wurde nicht leichter und wenn einer von ihnen krank
wurde, wußten die Anderen weder ein noch aus, weil sie die Arbeit ihres
Nächsten nicht kannten. So entstand der Taylorismus.

Als der Manager sah, daß es schlecht bestellt war um seine Kollegen,
bestellte er einen unter ihnen zum Gruppenführer, damit er die Anderen
ermutigte. So mußte der Manager nicht mehr sein warmes Kaminfeuer
verlassen. Leider legte auch der Gruppenführer, der nunmehr den Takt
angab, die Schaufel nieder und traf sich mit dem Manager öfter und öfter
zu Meetings. So arbeiteten nur noch Vier.

Die Stimmung sank und damit alsbald die Fördermenge des Goldes. Als die
Zwerge wütend an seine Bürotür traten, versprach der Manager Abhilfe
und organisierte eine kleine Fahrt mit dem Karren, damit sich die
Zwerge zerstreuten. Damit aber die Menge Goldes nicht nachließ, fand
die Fahrt am Wochenende statt. Und damit die Fahrt als Geschäftsreise
abgesetzt werden konnte, hielt der Manager einen langen Vortrag, den er
in fremdartige Worte kleidete, die er von einem anderen Manager gehört
hatte, der andere Zwerge in einer anderen Mine befehligte. So wurden die
ersten Anglizismen verwendet.

Eines Tages kam er zum offenen Streit. Die Zwerge warfen ihre kleinen
Schaufeln hin und stampften mit ihren kleinen Füßen und ballten ihre
kleinen Fäuste. Der Manager erschrak und versprach den Zwergen, neue
Kollegen anzuwerben, die ihnen helfen sollten. Der Manager nannte das
Outsourcing. Also kamen neue Zwerge, die fremd waren und nicht recht in
die kleine Gemeinde paßten. Und weil sie anders waren, mußte auch für
diese ein neuer Führer her, der an den Manager berichtete. So arbeiteten
nur noch Drei von ihnen.

Weil jeder von ihnen auf eine andere Art andere Arbeit erledigte
und weil zwei verschiedene Gruppen von Arbeitern zwei verschiedene
Abteilungen nötig werden ließen, die sich untereinander nichts mehr
schenkten, begann, unter den strengen Augen des Controllers, bald ein
reger Handel unter ihnen. So wurden die Kostenstellen geboren. Jeder sah
voller Mißtrauen auf die Leistungen des Anderen und hielt fest, was er
besaß. So war ein Knurren unter ihnen, daß stärker und stärker wurde.

Die zwei Zwerge, die noch arbeiteten, erbrachten ihr Tagewerk mehr
schlecht als recht. Als sich die Manager und der Controller ratlos
zeigten, beauftragten sie schließlich einen Unternehmensberater. Der
strich ohne die geringste Ahnung hochnäsig durch das Bergwerk und
erklärte den verdutzten Managern, die Gründe für die schlechte Leistung
sei darin zu suchen, das die letzten Beiden im Bergwerk verbliebenen
Zwerge ihre Schaufeln falsch hielten. Dann kassierte er eine ganze Lore
Gold und verschwand so schnell, wie er erschienen war.

Während dessen stellte der Controller fest, daß die externen Mitarbeiter
mehr Kosten verursachten als Gewinn erbrachten und überdies die
Auslastung der internen Zwerge senkte. Schließlich entließ er sie. Der
Führer, der die externen Mitarbeiter geführt hatte, wurde zweiter
Controller.

So arbeitete nur noch ein letzer Zwerg in den Minen. Tja, und der
lernte in seiner kargen Freizeit, die nur noch aus mühsam errungenen
abgebummelten Überstunden bestand, Schneewittchen kennen, die ganz in
der Nähe der Mine ihre Dienste anbot. Dann holte er sich bei ihr den
Siff und verreckte elendig.  Die Firma ging pleite, die Manager und
Gruppenführer und Controller aber fanden sich mit großzügigen Summen
gegenseitig ab und verpissten sich, um der Anklage wegen Untreue zu
entgehen, ins Ausland und diese deprimierende, aber wahrheitsgetreue Mär
ist aus.


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